Zeit ist (nicht) Geld

Man soll die Zeit nicht als reinen Kostenfaktor sehen – man soll die Zeit „bewohnen“. Ein Interview mit Zeitforscher und Wirtschaftspädagoge Karlheinz Geißler, Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik und Autor des Buches „Time is honey“.

Sie leben seit 30 Jahren ohne Uhr. Warum?
Karlheinz Geißler: An der Uhr erkennt man, ob es 2 oder 3 Uhr ist. Man erkennt aber nicht, ob es sich dabei um gute oder schlechte Zeit handelt. Entscheidend ist aber die Qualität der Zeit.

Wenn Sie sich nicht an der Uhr orientieren, woran dann?
Geißler: Die Zeitsignale, die wir selbst aussenden, sind viel glaubwürdiger als die der Uhr. Es stimmt ja nicht, dass der Mensch Zeit hat, der Mensch ist die Zeit. Das ist ein bisschen wie bei der Musik: Die Uhrzeit ist der Takt, das persönliche Zeitgefühl der Rhythmus. Glücklich macht uns letzten Endes aber der Rhythmus. Wenn man den Kontakt zum Rhythmus verloren hat, verliert man sich selbst – und steuert geradewegs ins Burnout.

Wecker auf altem Tisch

Die Zeitsignale, die wir selbst aussenden, sind viel glaubwürdiger als die der Uhr, sagt Zeitforscher Karlheinz Geißler

Zeit ist Geld, heißt es …
Geißler: Zeit in Geld zu verrechnen ist in der Ökonomie die klassische Form, mit Zeit umzugehen. Das ist per se nichts Negatives, man muss aber für sich ganz klare Grenzen ziehen und entscheiden, wieviel Zeit man in Geld verrechnet und wann Schluss ist. Die Ökonomie selbst kennt nämlich keine Grenzen – je mehr, desto besser.

Inwiefern hat sich der Umgang mit Zeit in der Wirtschaft verändert?
Geißler: Bis zum 20. Jahrhundert war es so, dass die Schnelligkeit die wichtigste Produktivkraft war. Das hat man mittlerweile ziemlich ausgereizt. Nun wird die Zeit verdichtet: Dinge, die man früher nacheinander gemacht hat, macht man nun parallel. Die modernen Geräte und Technologien machen das möglich. Auch die Definition von kurzfristig und langfristig hat sich damit verändert.

In Finanzfragen braucht es aber oft eine langfristige Betrachtung …
Geißler: Die Langfristigkeit wird, vor allem für jüngere Menschen, immer kurzfristiger. Galten früher vielleicht 15 oder 20 Jahre als langfristig, sind es heute 5 Jahre. Das Problem ist, dass wir schneller und kürzer immer noch für besser halten. Wenn ich ein Angebot für einen schnelleren Computer bekomme, denke ich automatisch, der ist besser. Aber das bringt mir wenig, wenn ich das gar nicht benötige.

Und wie entkommt man dem „Temporad“?
Geißler: Letzten Endes zählen jene Zeiten im Leben, die nicht gezählt werden. Zeiten, in denen man die Zeit vergisst – dann geht es einem gut. Zeit ist kein Gegenstand wie ein Hammer, man muss die Zeit nicht beherrschen, sondern bewohnen.

(Das Interview wurde im Mitgliedsmagazin PROFUND der steirischen Finanzdienstleister veröffentlicht.)