Interdisziplinäres Denken: Verstehen wir uns?

Interdisziplinäres Denken und Arbeiten wird in der modernen Arbeitswelt immer wichtiger. (Wie) kann man interdisziplinäres Denken lernen? Gibt es dabei Geschlechterunterschiede? Und warum ist gerade im Umgang mit Big Data interdisziplinäres Denken ein wesentlicher Erfolgsfaktor?

Mit der Wissensexplosion – bereits alle 2 Jahre verdoppelt sich das Wissen der Welt – gewinnt auch die Spezialisierung an Bedeutung. Man kann immer weniger eine Expertin oder ein Experte auf einem breiten Wissensgebiet sein und vertieft sich daher in einem bestimmten Bereich.

Zahlreiche Studien bestätigen: Die Arbeitswelt wird immer stärker durch Netzwerke aus hoch spezialisierten Fachkräften geprägt und das interdisziplinäre Arbeiten gewinnt stark an Bedeutung. Auch im AMS-Qualifikations-Barometer wird die Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit aktuell für rund 50 Berufsfelder als Top-Qualifikation geführt (u.a. für ärztliche Berufe, EDV- und Netzwerktechnik, Datenbanken, industrielle Elektronik und Umwelttechnologien).

Das AMS-Qualifikations-Barometer definiert die Fähigkeit zur interdisziplinären Zusammenarbeit als „Fähigkeit, sich zusammen mit anderen Personen aus verschiedenen Fächern und Wissensgebieten an der Lösung einer gemeinsamen Aufgabe zu beteiligen; sich in einem fächerübergreifenden Team integrieren und koordinieren zu können“ .

IT trifft Fahrzeugtechnik

Ein Bereich der EDV- und Netzwerktechnik, indem interdisziplinäres Denken unerlässlich ist, ist Data Science. „Bei Data Science geht es darum, verwertbares Know-how aus großen Datenmengen zu extrahieren und daraus einen Nutzen zu generieren“, weiß Stefanie Lindtstaedt, Geschäftsführerin des Know-Centers in Graz, das innovative Big-Data-Anwendungen für Unternehmen entwickelt.

Ein Kooperationspartner ist dabei Magna Steyr. Das Unternehmen unterstützt auch die neue Stiftungsprofessur für Big Data bzw. Data Science. Wolfgang Zitz, Vice President Contract Manufacturing Magna Steyr: „Magna Steyr unterstützt die Stiftungsprofessur des Know-Center Graz im Rahmen unserer SmartFactory-Strategie mit Schwerpunkt Big Data: Zur Förderung und Ausbildung für von der Industrie dringend gesuchten Data Scientists, um den unausweichlichen Paradigmenwechsel bezüglich Prozessoptimierung und die Bewältigung der ständig wachsenden Datenmengen in der Industrie voranzutreiben.“

Interdisziplinäre Kommunikation ist essentiell, wenn man mithilfe von Big Data neue Geschäftsmodelle generieren will.

Nur wenn man die Kunst der interkulturellen Kommunikation versteht, kann man aus Big Data neue Geschäftsmodelle generieren.

Die Nachfrage nach den Dienstleistungen des Know-Center ist groß, auch weil die Datenmengen immer größer werden. Täglich werden weltweit 2,2 Millionen Terabyte an neuen Daten generiert. „Um Big Data für Unternehmen nutzbar zu machen, braucht es interdisziplinäres Denken“, verweist Lindtstaedt auf die Vernetzung der Bereiche Informatik, Modellierungstechnik, Statistik, Datenanalyse, Mathematik etc. im Know-Center. „Und man muss sich in die Arbeitsprozesse des Unternehmens hineinversetzen können und diese verstehen.“

Ein Beispiel: Wenn man die von Sensoren aufgezeichneten Qualitätsmängel in der Fahrzeugproduktion analysiert, muss man wissen, wie relevant der jeweilige Mangel ist – man braucht also analytisches bzw. informationstechnologisches, aber auch fahrzeugtechnisches Know-how.

Erfolgsfaktoren für Interdisziplinarität

Die weststeirische Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin Dr. Elke Schnabl über das richtige Umfeld, Geschlechterunterschiede und Training:

„Eine wichtige Voraussetzung für interdisziplinäres Denken und Arbeiten ist, dass man ein gewisses Maß an Empathie mitbringt. Darunter versteht man die Fähigkeit und Bereitschaft, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale anderer Personen zu erkennen und zu verstehen. Jede Profession hat unterschiedliche Arbeits- und Sichtweisen, diese wahrzunehmen, zu verstehen und auch Wert zu schätzen ist für ein interdisziplinäres Team unerlässlich.“

„Die häufigsten Missverständnisse entstehen auf dem Boden von Kommunikationsproblemen. So einfach das klingt, aber es ist grundlegend eine gemeinsame Sprache zu finden. Dies kann besonders im Rahmen von hochgradiger Spezialisierung mit Fachausdrücken schwierig sein. Das Klima in einem Team sollte wertschätzend sein, bei Unverständnis sollte keine Scheu bestehen, nach zu fragen. Eine Hilfe kann hier ein neutraler, fachfremder Moderator sein, der das Gesagte in eigenen Worten zusammenfasst. So kann sichergestellt werden, dass das Dargebrachte für jeden verständlich ist.

„Prinzipiell hat jeder Mensch die Veranlagung zur Empathie, sie ist psychologisch betrachtet teils sowohl angeboren, als auch erlernt. Sie kann aber unter widrigen Umständen auch wieder verlernt werden. Seitens der Erkenntnisse der Hirnforschung konnte man darstellen, dass bei Männern und Frauen beim Empfinden von Empathie unterschiedliche Hirnareale aktiviert werden. Bei Frauen kommt es zu einer stärkeren Aktivierung der gefühlsbezogenen Areale, während bei Männern eher kognitionsbezogene Regionen aktiv sind. Man konnte jedoch bisher wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Frauen, wie oft angenommen ein erhöhtes Maß an Empathie besitzen.“

„Förderlich für interdisziplinäres Arbeiten ist ein neutrales Umfeld und ein ausgewogenes Team, in dem alle Professionen in gleichem Maße vertreten sind.“

„Es geht nicht darum, die Kompetenz der oder des anderen zu untergraben sondern sich dessen bewusst zu sein, dass durch das gemeinsame Arbeiten ein für alle besseres Ergebnis möglich wird.“

Es gibt vielfache Möglichkeiten Empathie, Achtsamkeit und damit die Fähigkeit zu interdisziplinärer Zusammenarbeit zu trainieren. So gibt es aus der systemischen Therapie zB die einfache Übung, den Sitzplatz, bzw. den Sessel mit einer Person (vorzugsweise mit jemandem, mit dessen Meinung oder Ansicht man gewisse Problemen hat) zu tauschen und sich dabei dann vorzustellen man sei diese Person. Spricht man dann die Gedanken und Gefühle, die man nun auf diesem neuen Platz hat aus, kann dies verblüffend schnell zu neuen Erkenntnissen und Sichtweisen führen, die durch eine alleinige Diskussion, bei verhärteten Fronten sicher nicht möglich wären.